Warum wir lästern – und was das mit unserer Psyche zu tun hat

Veröffentlicht am 17. September 2026

Lidija Jovic ist Psychosoziale Beraterin in eigener Praxis in Luzern. Der Name ihrer Praxis ist Programm: Gesundheitsberatung.jetzt betont die Bedeutung ganzheitlicher Gesundheitsberatung, um Körper und Geist in Balance zu bringen.
Neben der psychosozialen Beratung bietet sie Ernährungsberatung und Ernährungstherapie für Einzelpersonen sowie betriebliches Gesundheitsmanagement für KMU an.
In unserer Beitragsreihe zum VFU-Jahres-Motto «Gesund. Selbstbestimmt. Erfolgreich.» erläutert sie uns, warum Lästern so «beliebt» ist, welche Auswirkungen es hat und wie wir dieses zwar menschliche, aber nachteilige Verhalten ablegen können.

 

Warum wir lästern – und was das mit unserer Psyche zu tun hat

«Hast du gesehen, wie sie schon wieder reagiert hat?»

Hand aufs Herz: Wir alle lästern. Im Unternehmen, im Verein, in der Familie oder mit der besten Freundin. Und obwohl wir wissen, dass es nicht besonders nobel ist, tun wir es trotzdem. Weshalb eigentlich?

Weil Lästern etwas sehr Menschliches ist.

Wir alle haben eine Psyche

Jeder Mensch hat Gedanken, Gefühle, Bedürfnisse und Unsicherheiten. Kurz: Wir alle haben eine Psyche. Trotzdem sprechen wir erstaunlich wenig darüber. In der Schule lernen wir Bruchrechnen, aber kaum jemand erklärt uns, wie Stress funktioniert, weshalb wir uns gekränkt fühlen oder warum manche Menschen plötzlich gereizt oder still werden.

So entsteht ein riesiger blinder Fleck. Der Elefant im Raum. Wir sehen, dass jemand anders ist. Wir bemerken Spannungen, Konflikte oder Erschöpfung. Aber statt offen darüber zu sprechen, sprechen wir lieber über die «komische» Person.

Lästern hat eine Funktion

Lästern ist nicht einfach Boshaftigkeit. Dahinter steckt oft etwas anderes:

  • Wir bauen Spannung ab.
  • Wir suchen Verbündete.
  • Wir versuchen, Verhalten zu verstehen.
  • Wir holen uns Bestätigung.
  • Wir schützen uns vor Konflikten.

Unser Gehirn liebt Erklärungen. Wenn wir etwas nicht verstehen, füllen wir die Lücken mit Vermutungen.

«Sie grüsst nie. Die hält sich wohl für etwas Besseres.»

Vielleicht ist sie tatsächlich arrogant. Vielleicht kämpft sie aber auch mit einer Trennung, Schlafproblemen oder einer Depression. Wir wissen es schlicht nicht. Und genau hier wird es spannend.

Der Elefant bleibt im Raum

Wenn wir nur übereinander sprechen, verbessert sich nichts. Im Gegenteil.

  • Die Stimmung wird schlechter.
  • Missverständnisse nehmen zu.
  • Menschen werden vorsichtiger.
  • Niemand möchte anecken.
  • Fehler werden vertuscht.
  • Belastungen werden versteckt.

Das gilt im Unternehmen genauso wie im Verein oder in der Familie. Alle spüren, dass etwas nicht stimmt. Aber niemand spricht es an. Der Elefant bleibt im Raum und wird mit der Zeit immer grösser.

Psychologische Sicherheit ist kein Kuschelkurs

Psychologische Sicherheit bedeutet nicht, dass alle nett sind oder immer derselben Meinung. Sie bedeutet, dass Menschen Fragen stellen, Fehler zugeben und Schwierigkeiten ansprechen können, ohne Angst zu haben, ausgelacht, abgewertet oder ausgeschlossen zu werden.

Das klingt banal. Ist es aber nicht. Denn wer Angst hat, sagt nichts. Und wer nichts sagt, kann keine Unterstützung erhalten. Gerade bei psychischen Belastungen ist das entscheidend. Viele Menschen warten viel zu lange, bevor sie sich Hilfe holen. Nicht aus Sturheit, sondern aus Angst.

«Was denken die anderen?»
«Ich will niemandem zur Last fallen.»
«Andere schaffen das ja auch.»

Dabei würde niemand auf die Idee kommen, einen schmerzenden, pochenden Zahn selbst zu behandeln. Weshalb glauben wir, dass wir mit Ängsten, Erschöpfung oder Dauerstress alles alleine schaffen müssen?

Was wäre die Alternative?

Vielleicht beginnt psychologische Sicherheit mit einem einfachen Satz:

«Ich merke, dass etwas anders ist. Wie geht es dir?»

Oder mit einer Frage, wenn wir beim Lästern ertappt werden:

«Habe ich das schon mit der betreffenden Person besprochen?»

Nicht jede Spannung muss sofort ausdiskutiert werden. Aber viele Konflikte lösen sich nicht, weil wir darüber reden, sondern weil wir endlich miteinander reden.

Psyche zum Verstehen

Die Zahlen zeigen klar: Psychische Belastungen nehmen zu. Der Arbeitsmarkt verändert sich. Unsere Welt wird schneller und komplexer. Das wird sich nicht einfach wieder zurückdrehen. Umso erstaunlicher ist, wie wenig wir über das Wichtigste wissen, das wir besitzen: unsere Psyche.

Gedanken, Gefühle, Stress und unser Nervensystem sind keine Spezialthemen für Fachpersonen. Sie gehören zum Menschsein. Und genau wie wir lernen, unsere Zähne zu pflegen oder uns gesund zu ernähren, können wir lernen, unsere Psyche besser zu verstehen.

Nicht perfekt. Aber gut genug, um die eigenen Warnlampen früh zu erkennen. Gut genug, um Hilfe zu holen. Gut genug, um anderen mit etwas weniger Urteil und etwas mehr Neugier zu begegnen. Und vielleicht auch gut genug, um den Elefanten im Raum irgendwann nicht mehr zu füttern, sondern ihn direkt anzusprechen.

Denn wir alle haben eine Psyche. Es wird Zeit, dass wir lernen, mit ihr genauso selbstverständlich umzugehen wie mit allem anderen, was uns gesund hält.

Lidija Jovic