Grenzen setzen? Wie geht das?

Veröffentlicht am 16. Juni 2026

Zora Heinricht ist Spezialistin für Prozessbegleitung und Kulturentwicklung für Bildungs-, Sozial- und Gemeinschaftssysteme. In ihrem Wandelwerk begleitet sie Einzelpersonen, Teams und Institutionen rund um die Themen Grenzen, Sicherheit, Verantwortung und Ausdruck.
In unserer Beitragsreihe zum VFU-Jahres-Motto «Gesund. Selbstbestimmt. Erfolgreich.» beschreibt sie den Wert von gesundem Grenzen-Setzen und wie das am besten gelingt.

 

«Du musst einfach mal deine Grenzen setzen!»

Hast du diesen Ratschlag auch schon mal bekommen? Von Freund*innen, Bekannten, Vorgesetzten oder vielleicht sogar von deinen Eltern?

Hand aufs Herz – was geht innerlich bei dir ab, wenn du diesen vermutlich gut gemeinten Rat hörst?

Ich persönlich empfinde kaum etwas als herausfordernder, als eine Grenze zu setzen – und diese dann auch noch verbindlich zu halten. Und das, obwohl ich mich seit über 25 Jahren mit diesem Thema befasse.

Doch warum trägt dieses Thema oft so viel Schwere in sich?
Und weshalb scheint es in so vielen Lebensbereichen eine zentrale Rolle zu spielen – in Familien, Unternehmen, Teams oder Beziehungen?

 

Wann Grenzen helfen

Es kann zermürbend sein, den Rat zu hören, man müsse «einfach Grenzen setzen». Denn die Situation fühlt sich meist ohnehin schon belastend an und die eigenen Möglichkeiten scheinen ausgeschöpft zu sein. Es braucht also noch etwas anderes, als das reine Wissen darüber, dass jetzt eine Grenze wichtig ist.

Meine ersten bewussten Schritte im Umgang mit Grenzen machte ich mit elf Jahren, als ich mit der Kampfkunst Ju-Jitsu begann.

Es war eine Zeit, in der ich sowohl zu Hause als auch in der Schule Schwierigkeiten hatte. Ich erlebte starke Ausgrenzung durch Mitschüler*innen. Mit der Idee, mich besser wehren zu können, begann ich den Kampfsport, den ich danach viele Jahre intensiv betrieb und der mein Verständnis von Grenzen und Beziehung nachhaltig geprägt hat.

Kurze Zeit nach Trainingsbeginn veränderte sich meine Situation in der Schule deutlich. Ich hörte auf, mich automatisch immer unterzuordnen. Ich wurde präsenter. Denn ich hatte etwas gefunden, das zu mir gehörte und worauf ich stolz sein konnte.

Nicht jede Schwierigkeit löste sich dadurch in Luft auf. Doch ich nahm mich wieder als aktiven Teil der Klasse wahr. Das veränderte meinen inneren Zustand von Ohnmacht und Passivität.

 

Was Grenzen bedeuten

Eine Grenze zu setzen ist oft nicht einfach mal so nebenher erledigt. Es ist ein Akt der Selbstermächtigung. Dieser Akt braucht ein stabiles Fundament, damit die Grenze sichtbar wird, innerlich trägt und auch äusseren Spannungen standhalten kann.

Damit eine Grenze gesetzt werden kann, braucht es meist eine echte innere Bedeutsamkeit. Etwas, das genügend Energie liefert, damit die Grenze wirksam wird.

Eine Grenze ist also nicht nur eine Trennung oder ein Schutz. Sie macht sichtbar, worum es im Kern wirklich geht.

In meinem Beispiel in der Schule war es mir wichtig, mich für mich selbst einzusetzen und klarzustellen, dass ich wertvoll bin. Gleichzeitig hatte ich mit dem Kampfsport etwas gefunden, das mich mit meiner eigenen Kraft verbunden hat.

Wer beginnt, sich mit den eigenen Werten und Motiven auseinanderzusetzen, kann dabei auf ein spannendes Phänomen stossen: Dass es plötzlich leichter oder sogar wie von selbst geht, Grenzen zu setzen.

 

Wie Grenzen in Systemen wirken

Wir alle leben in Systemen. Familien, Teams, Vereine oder Unternehmen bestehen aus Menschen, die miteinander in Beziehung stehen und sich gegenseitig beeinflussen.

Wenn ich eine einfache Faustregel zu Grenzen in Systemen formulieren müsste, dann wäre es diese:

Dort, wo Energie fehlt, unverhältnismässig viel davon verbrannt wird oder sie auf unerklärbare Weise verschwindet, sind häufig auch Grenzen ungeklärt.

Als Prozessbegleiterin und Kulturentwicklerin biete ich auch Selbstverteidigungs-Trainings an. Die Teilnehmenden entwickeln dort eine klare Kommunikation, die nötige Körperspannung und die innere Sicherheit, die es braucht, um sich selbst zu schützen und ein deutliches «Nein» auszudrücken.

Vielleicht kennst du selbst solche gelungenen «Nein»-Situationen:

  • Du lehnst eine Aufgabe ab, die dir jemand übertragen möchte.
  • Du nimmst dir eine Pause, obwohl andere weitermachen wollen.
  • Oder du sprichst etwas an, das schon lange unausgesprochen im Raum steht.

Oft entsteht dadurch ein Gefühl von Leichtigkeit, Klarheit oder innerer Ruhe. Durch die geklärte Grenze wird Energie frei.

Damit sich diese Energie auch in einem System entfalten kann, braucht es bestimmte Bedingungen. Denn nicht nur einzelne Personen tragen Verantwortung für Klarheit, Orientierung und Sicherheit. Auch das System selbst beeinflusst, wie leicht oder schwer Grenzen gelebt werden können.

 

Führung und Grenzen

Eine besondere Rolle nehmen dabei Führungspersonen ein. Sie schaffen Orientierung darüber, woran sich die Menschen innerhalb eines Systems ausrichten können.

Erlebt eine Person in einem Arbeitsteam eine Grenzüberschreitung, wird es meist leichter, sich Hilfe zu holen oder sich zu wehren, wenn durch die Haltung und die Werte der Führungspersonen Schutz und Sicherheit spürbar sind.

Eine Person kann beispielsweise den Wert der Selbstfürsorge haben. Sie spürt nach einem langen Arbeitstag, dass sie Ruhe braucht. Die Arbeitskolleg*innen möchten noch gemeinsam in eine Bar gehen und versuchen, sie zum Mitkommen zu überreden.

Die Person entscheidet sich trotzdem dafür, nach Hause zu gehen.

Dadurch stärkt sie etwas Wesentliches in sich: das Vertrauen, sich selbst ernst zu nehmen und der eigenen Wahrnehmung zu folgen – selbst wenn erste Reaktionen von anderen vielleicht nicht sehr angenehm sind.

Das Gleiche geschieht auch in Systemen. Es gilt nicht «je mehr, desto besser» – sondern je verlässlicher, desto sicherer.

Wir sind deshalb sowohl als Individuen als auch als Führungspersonen aufgefordert, unsere Werte und unsere Verantwortung zu kennen. Denn dort, wo Grenzen klar und respektvoll gelebt werden, entsteht mehr Orientierung, mehr Vertrauen und mehr Möglichkeit, authentisch und selbstbestimmt miteinander unterwegs zu sein.

 

Zora Heinricht