Sandra Grimmer - Vorstand VFU und Gründerin Seefeld.Style im Lockdown-Interview

Was machst du als Unternehmerin im Covid-19 Lockdown – Interview mit Sandra Grimmer

Veröffentlicht am 13. April 2020 | in Covid-19 Helpline, Know-how Transfer, Wachstum

Sandra Grimmer ist Gründerin des Hosenlabels Seefeld.Style und Vorstand im Verband Frauenunternehmen. Sie hat die letzten Jahre all ihre Energie, ihre Zeit und finanziellen Mittel in den Aufbau ihres Labels investiert. Sie hat gerade im letzten Jahr die Produktion aus Südamerika nach Portugal umgezogen, die Kollektion erweitert und auf Öko-Tex umgestellt. Gerade als es richtig losgehen sollte, kam der Lockdown.

Wir haben nachgefragt, welchen Weg durch die Krise sie für sich und ihr Business geht – und wie sich dieser vielleicht von vielen anderen unterscheidet. Ein Interview mit Einblicken hinter die Kulissen und Anregungen für das eigene Unternehmen.

 

Inwiefern trifft die aktuelle Situation dein Business?

Unmittelbar bedeutet die Corona Krise, dass wir keine Events und Pop-Up Stores durchführen können. Auch das SBB Smart Emma Projekt wurde abgesagt und wir werden nun nicht wie geplant zwei Wochen einen Laden im Hauptbahnhof Zürich betreiben können. Der Lockdown bedeutet auch, dass alle Gespräche mit dem stationären Handel auf Eis gelegt wurden. Wir werden es dieses Jahr also nicht schaffen, unsere schönen Hosen über Boutiquen zu verkaufen und auch die Gespräche mitModehäusern wurden auf nächstes Jahr verlegt. Unser Partnerbetrieb in Portugal kann im Moment nur mit 40% der Belegschaft arbeiten, so dass es Lieferverzögerungen gibt. Zusammengefasst heisst das, dass unser Umsatz fürs ganze 2020 tiefer ausfällt als geplant. Auf der Kostenseite können wir sagen, dass wir dank sehr tiefer Fixkosten gut aufgestellt sind. Aber was wir gerade mit Sorge beobachten ist, dass die Effizienz der Werbekosten drastisch sinkt. Die Social Media Kanäle sind vollgestopft mit Werbeanzeigen wie sonst höchstens noch vor Weihnachten. Das heisst, die Werbekosten steigen für alle an und fressen die Marge auf. Deshalb ist es für uns umso wichtiger uns auf unsere Stammkunden und unser Netzwerk zu konzentrieren.

 

Viele Unternehmer*innen stemmen sich aktuell mit aller Kraft gegen die Krise, um danach möglichst so weiter machen zu können wie davor. Wie unterscheidet sich dein Vorgehen von “pushing hard by doing more of the same”?

Diese Krise hat ein Ausmass, welches wir uns nicht vorstellen konnten. Zum ersten Mal seit Generationen sind auch wir in der Schweiz von einer globalen Krise wirklich betroffen und sitzen nicht nur sicher unter unserer Käseglocke. Das Bedürfnis “einfach irgendwas” zu machen kann dabei  überwältigend sein. Aber sich gegen die Krise zu stemmen ist, wie wenn man als Schiff den Wellengang des Meeres beeinflussen möchte. Das ist unmöglich. Alles, was man tun kann, ist seinen Hochseekutter sturmfest zu machen, die Wellen beobachten und versuchen diese richtig zu nehmen. D.h. konkret die Fixkosten so gut als möglich zu senken, die Liquidität scharf beobachten, und versuchen den Kurs zu halten, bzw. und die Vision nicht aus den Augen zu verlieren.

In den ersten Wochen des Lockdown haben wir uns bewusst stark zurück gehalten um nachzudenken und zu beobachten. Die Frage ist nicht primär “wie lange dieser Lockdown” dauern wird sondern wie unsere Welt danach aussieht. Werden unsere Kunden noch die gleichen sein? Welches unserer Angebote wird auch weiterhin gefragt sein? Wieso? Die Zeit des Lockdown mit wilden Aktionen zu füllen wäre falsch, da verheizt man sich nur selber. Wir nutzen den Moment, um uns parat zu machen für die Zeit danach.

 

Warum hast du dich dafür entschieden jetzt mehr in deine Business Intelligence zu investieren und neue Daten für dein Unternehmen zu generieren?

Eigentlich machen wir auch in dieser Zeit nicht mehr BI als sonst. Business Intelligence ist ja im Grunde nichts anderes als sich die richtigen Fragen zu stellen und darauf belegbare Antworten zu suchen. Oder zumindest eine Hypothese aufzustellen, die man dann belegen oder verwerfen kann. Was ich damit sagen will: Wenn man sich die richtigen Fragen stellt, kommt man auch ohne komplizierte Mathematikformeln sehr weit. Was wir aber merken, ist, dass unsere Art, sehr analytisch vorzugehen, unter kleinen Firmen und KMUs eher selten ist. Uns hilft dieses Vorgehen um einen klaren Kopf zu behalten.

 

Dein Label Seefeld.Style ist noch in der Startup-Phase und hat keine Millionen-Fundings im Rücken: Kann man mit dieser Ausgangslage überhaupt Business Intelligence betreiben? Was in deinem Unternehmen ermöglicht es dir, dass du das jetzt tun kannst?

Gerade weil wir die Finanzierung von Anfang an möglichst selbst stemmen wollten, waren wir von Anfang an darauf angewiesen, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Unser kleines Budget erlaubt es uns gar nicht, jeden Fehler dreimal zu machen. Und der einzige Weg, eben nicht jeden Fehler selber zu machen, ist, Fakten zu sammeln und so auf kostengünstige Weise von anderen zu lernen. Dabei hilft natürlich auch unsere Ausbildung und Erfahrung. Ich bin Betriebswirtin und mein Mann Ingenieur. Das macht es etwas leichter Geschäftszahlen analytisch zu durchleuchten. Wir erstellen unsere Vorhersagen und Projektionen selbst, was die Kosten für BI enorm reduziert.

Nach welchem Plan gehst du aktuell vor? Welche Schritte hast du eingeleitet?

Als Erstes habe ich versucht, herauszufinden, wem in unserem Marktumfeld es noch gut läuft und warum.

Am Anfang der Krise hat man ja von vielen Seiten den Eindruck erhalten, als würde es bei “allen” anderen jetzt super laufen, vorallem Online. Vieles wird aber auch einfach nur gelogen. Als ich in einem Business-Blog die Selbstauskunft eines grossen Jeans-Shop gelesen habe, dass es denen jetzt super läuft, war ich erst etwas gefrustet. Wir haben dann einen Blick in Google Trends geworfen und gesehen, dass die Suchanfragen für Jeans und Hosen genau in diesem Zeitpunkt in den Keller gesunken sind. Wir gehen also davon aus, dass sich hier jemand nicht getraut hat, zuzugeben, dass es gerade nicht so rosig läuft. Unsere Recherche (online und in unserem Netzwerk) hat ergeben, dass die Leute v.a. Laufschuhe und Yogamatten kaufen (denn auch in der Quarantäne will man sich bewegen resp. hat endlich Zeit dazu) und dass Produkte wie z.B. Handtaschen und Rucksäcke grade gar nicht laufen. Verständlich, denn wieso sollten sich die Leute genau jetzt Kleider und Taschen kaufen, wenn sie diese mindestens 1 Monat lang nicht tragen können. Nur um zwischen Sofa und Kühlschrank hin und her zu pendeln braucht es weder schöne Taschen noch High Heels. Wir haben uns also überlegt, welche aktuellen Bedürfnisse wir abdecken können: Aus bestehendem Foto und Videomaterial haben wir einen Instagram-Werbefilm gemacht, mit der Aussage, “Raus aus dem Pyji – auch schöne Hosen können bequem sein”.

Was wir nicht gemacht haben, ist, noch schnell zu versuchen, aus der Krise Gewinn zu ziehen und irgendein Corona-Angebot zu schnüren.

Mittelfristig konzentrieren wir uns vor allem darauf, zu überlegen/recherchieren/beobachten wie unsere Welt nach der Krise aussehen wird. Welche von unseren Kunden sind dann noch da? Welches unserer Angebote ist dann noch gefragt? Und warum ist das so?

Die meiste Zeit stecken wir also darein, uns auf die Zeit nach dem Lockdown vorzubereiten. Egal, wann die kommt.

 

Du hast von Anfang an dein Unternehmen mit strukturierten, skalierbaren Prozessen aufgebaut, ist das nun der grosse Vorteil im Moment oder können auch Unternehmen ohne definierte Prozesse Datenanalysen für clevere Business-Entscheidungen machen? Welche Grundlagen braucht es minimal, um Datenanalysen zu fahren und danach aus auswerten zu können?

Skalierbare Prozesse können nicht nur einfach hochgefahren, sondern ebenso einfach heruntergefahren werden. Damit kann ich sehr flexibel auf äussere Situationen reagieren. Skalierbare Prozesse klingt erstmal kompliziert, aber es ist ja eigentlich nichts anderes, als sich zu überlegen, was man tun würde, wenn man über Nacht 100x mehr Anfragen beantworten müsste. Also, wie kann ich meine Abläufe verbessern und automatisieren, damit ich überhaupt in der Lage bin, mehr zu verkaufen. Der zweite wichtige Aspekt der Skalierbarkeit ist, sich zu überlegen, wie man sich auf Wachstum vorbereitet, OHNE dass die Kosten explodieren. Diese Überlegungen funktionieren auch, wenn man seine Aktivitäten herunterfahren muss, damit man nicht auf Kosten sitzen bleibt.

 

Welches Ziel hoffst du mit deiner Strategie nach der Krise zu erreichen?

Ich möchte Seefeld langfristig belastbar und sicher aufstellen. Ich glaube auch, dass die Werte die ich mit meinen Hosen lebe, “Langlebigkeit”, “Verlässlichkeit” und “Ehrlichkeit” wieder stärker gefragt werden. Meine Bewunderung gilt den Frauen, die etwas bewegen. Die den Mut haben, ihren Purpose, ihre Vision zu leben. Und genau für diese Frauen möchte ich Hosen machen. Hosen, die mit ihrem Leben mithalten können.

 

Inwiefern werden dir die Daten, die du jetzt sammelst später helfen, um dein Business an die neue Situation anzupassen?

Im Moment konzentriert sich unsere Datenanalyse rund ums Marketing. Ich habs eingangs erwähnt: neue Kunden zu gewinnen ist im Moment unglaublich teuer, zeitweise sogar ein Null-Summen-Spiel. Das würde auf Dauer keiner durchhalten. Wir machen im Moment also viele Marketing-Tests und vergleichen Bilder/Texte aber auch Werbekanäle und Zielgruppen. Der Druck das intensiv zu betreiben ist jetzt höher als vor COVID-19. Dieser Druck hilft uns aber auch, besser zu werden. Davon werden wir nach der Krise definitiv profitieren. Konkret heisst das, dass wir jeden Schritt der Kundenerfahrung vom Kontakt über Kauf bis zum Aftersales auf seine Performance untersuchen. Damit identifizieren wir Flaschenhälse, priorisieren die Verbesserungen und können unsere Ressourcen effizient einsetzten.

 

Was rätst du Unternehmer*innen in der aktuellen Lage, um mit ihrem Business gut durch die Krise zu kommen?

Unbedingt verschiedene Szenarien durchdenken. Sich überlegen, was in 6 oder 12 Monaten sein wird. Wenn man nicht locker 6 oder mehr Monate “durchseuchen” kann, dann unbedingt heute schon die finanziellen Mittel besorgen.

Nachdem die Liquidität (Kurzarbeit, Kredit, Reduktion der Fixkosten etc.) sichergestellt ist, soll man sich vertieft mit der Strategie befassen. Was macht der Lockdown mit meinen Kunden? Welche Kunden sind auch in 6 Monaten noch da? Welches meiner Angebote wird auch nach dem Lockdown gefragt sein? Warum? Und über welche Kanäle?

Wenn man sich dann überlegt hat, wie die Welt nach dem Lockdown aussieht, geht es darum, diese Hypothese zu testen. Zu erkennen, ob man aufs richtige oder falsche Pferd gesetzt hat, ist nicht immer einfach. Diese Krise stellt die gesamte Marktdynamik in Frage. Die Gesellschaft wird sich ändern und die Gesetze der Wirtschaft mit ihr. Wer hier das richtige Gespür beweist, wird am Ende der Krise gut dastehen.

 

Blogbeitrag verfasst von

Chantal Schmelz

ansprechend Gmbh