Zwischen Hoffnung und Stillstand

Veröffentlicht am 19. März 2026

Fana Asefaw ist Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie. Sie leitet in Zürich ihr Kompetenzzentrum für Psychische Gesundheit, Trauma & Migration.
In unserer Beitragsreihe zum VFU-Jahres-Motto «Gesund. Selbstbestimmt. Erfolgreich.» sensibilisiert sie uns darauf, wie viele junge Frauen seit Jahren in der Schweiz ohne sichere Perspektive leben, welche gesundheitlichen Folgen diese Unsicherheit haben kann und warum auch Unternehmerinnen einen Blick auf diese Realität werfen sollten.
Junge geflüchtete Frauen in der Schweiz und die Folgen jahrelanger Unsicherheit

Viele junge geflüchtete Frauen leben seit Jahren in der Schweiz – gehen zur Schule, lernen Deutsch und bauen Beziehungen auf. Dennoch bleibt ihre Zukunft oft ungewiss. Die langfristigen gesundheitlichen Folgen dieser Unsicherheit bleiben für die Öffentlichkeit meist unsichtbar.

Viele Unternehmerinnen wissen aus ihrem Arbeitsalltag: Motivation, Fähigkeiten und Engagement sind entscheidend dafür, dass Menschen ihr Potenzial entfalten können. Gleichzeitig zeigen strukturelle Rahmenbedingungen oft, ob Menschen ihre Ressourcen überhaupt einsetzen können. Gerade im Kontext von Migration zeigt sich, wie eng wirtschaftliche Teilhabe, Gesundheit und gesellschaftliche Integration miteinander verbunden sind.

Unternehmerinnen begegnen im Alltag – als Arbeitgeberinnen, Kundinnen oder engagierte Bürgerinnen – zunehmend Menschen mit Fluchterfahrung. Ihre Lebensrealitäten besser zu verstehen, kann helfen, gesellschaftliche Entwicklungen differenzierter einzuordnen.

Ein Beispiel

Als eine 28-jährige eritreische Patientin, am 06. März 2026 frühmorgens von der Kantonspolizei aus ihrer Notunterkunft abgeholt wurde, erlebte sie die Situation als stark retraumatisierend. Die Frau lebt seit über zwölf Jahren im Kanton Zürich. Trotz mehrerer negativer Asylentscheide bemüht sie sich aktiv um Stabilität: Sie besucht eine autonome Schule für Geflüchtete (Deutsch Kurs)  Sie besucht seit mehr als vier Jahren regelmässig Therapie, sie ist in einem Tandemprojekt mit sehr einer sehr engagierten Schweizer Ehepaar  am Deutsch lernen, sie sucht eine Arbeitsstelle, bekommt aber keine wegen ihres negatives Asylstatus und hofft über ein Härtefallverfahren auf eine langfristige Perspektive. Erst ein fachliches Attest führte an diesem Tag zu ihrer Freilassung.

Diese Geschichte ist kein Einzelfall. Sie steht exemplarisch für eine Situation, die viele junge geflüchtete Frauen in der Schweiz betrifft: ein Leben über Jahre hinweg in rechtlicher Unsicherheit – zwischen Bleiben und Gehen, ohne klare Zukunftsperspektive.

Ein Leben zwischen zwei Welten

Viele dieser Frauen kamen als Minderjährige in die Schweiz. Heute sind sie junge Erwachsene – manche bereits Mütter. Obwohl sie teilweise seit zehn oder mehr Jahren hier leben, haben sie keinen definitiven Aufenthaltsstatus erhalten.

Ein zentraler Grund dafür liegt darin, dass bestimmte Fluchtgründe häufig nicht als politischer Asylgrund anerkannt werden. Gleichzeitig ist eine Rückführung in Herkunftsländer wie Eritrea oder aktuell auch Iran oft nicht möglich – etwa wegen fehlender Rücknahmeabkommen, politischer Instabilität oder Krieg.

Es entsteht ein paradoxer Zustand: Die Betroffenen dürfen nicht bleiben – können aber auch nicht zurückkehren. Für viele bedeutet dies ein jahrelanges Leben in Notunterkünften, mit eingeschränkten Möglichkeiten zu arbeiten, zu lernen oder eine stabile Lebensplanung zu entwickeln.

Unsichtbare Belastungen

Viele dieser Frauen haben bereits im Herkunftsland oder während der Flucht traumatische Erfahrungen gemacht. Hinzu kommen sogenannte postmigratorische Stressfaktoren: Leben in Sammelunterkünften, fehlende Privatsphäre, finanzielle Unsicherheit, eingeschränkter Zugang zu Bildung und Arbeit sowie eine dauerhaft unklare Zukunftsperspektive.

Forschungen zeigen, dass solche Stressoren erheblich zur psychischen Belastung von Geflüchteten beitragen können. Die Gesundheitsforschung spricht von «Weathering» als einen schleichenden gesundheitlichen Verschleiss, der entsteht, wenn Menschen über lange Zeiträume chronischem Stress, sozialer Unsicherheit und struktureller Benachteiligung ausgesetzt sind.

Diese dauerhafte Belastung wirkt sich nicht nur auf die psychische Gesundheit aus, sondern kann auch physiologische Prozesse beeinflussen – etwa das Stresshormonsystem, das Immunsystem oder das Herz-Kreislauf-System. Langanhaltende Aufenthaltsunsicherheit, soziale Isolation und eingeschränkte Teilhabe erhöhen nachweislich das Risiko für Depressionen, Angststörungen und psychosomatische Beschwerden.

Je länger dieser Zustand anhält, desto stärker nehmen die Belastungen zu. Therapeutische Unterstützung kann helfen, stösst jedoch häufig an strukturelle Grenzen, solange sich die grundlegenden Lebensbedingungen kaum verändern.

Unterstützung im Alltag

In meiner Arbeit versuche ich, diese Frauen unter anderem über das Projekt „Brückenbauer und Trauma“ in Zusammenarbeit mit NCBI zu unterstützen. Ziel ist es, durch psychosoziale Begleitung Stabilität im Alltag zu fördern, z. B. niederschwellige Gespräche, Unterstützung bei alltäglichen Herausforderungen, Kontakten zu Peers und kleine Schritte zur Strukturierung des Tages. Solche Ansätze können helfen, ein Gefühl von Sinnhaftigkeit zu vermitteln und den Frauen ein Stück Selbstwirksamkeit und Würde zurückzugeben.

Darüber hinaus spielen sogenannte Tandemprojekte eine wichtige Rolle. Viele Gemeinden – teilweise auch kirchliche Organisationen – bieten Programme an, in denen Geflüchtete mit Menschen aus der lokalen Bevölkerung zusammengebracht werden. Diese Begegnungen unterstützen beim Spracherwerb, fördern soziale Beziehungen und ermöglichen Erfahrungen von Zugehörigkeit.

Ein weiterer Teil der Arbeit besteht darin, Frauen bei administrativen Herausforderungen zu begleiten. Viele berichten von Diskriminierungserfahrungen oder dem Gefühl, von Behörden, Schulen oder sozialen Institutionen nicht verstanden zu werden. In solchen Situationen kann es hilfreich sein, den Dialog mit Fachpersonen zu fördern und für einen respektvollen Umgang zu sensibilisieren.

Eine stille gesundheitliche Belastung

Trotz der zahlreichen Belastungen verfügen viele dieser Frauen über eine bemerkenswerte Resilienz. Viele möchten arbeiten, Verantwortung übernehmen und Teil der Gesellschaft sein. Doch je länger ihre Situation ungeklärt bleibt, desto stärker werden ihre Kräfte durch chronischen Stress erschöpft.

Langfristig hat diese Situation nicht nur individuelle, sondern auch gesellschaftliche Folgen. Zunehmende gesundheitliche Belastungen können zu steigenden medizinischen Kosten führen und sich auch auf die nächste Generation auswirken. Gleichzeitig bleiben vorhandene Ressourcen und Potenziale ungenutzt. Aus sozial- und gesundheitspolitischer Perspektive erscheint es daher zentral, Asylverfahren effizienter zu gestalten und langjährig anwesenden Geflüchteten realistische Perspektiven zu eröffnen.

Zusätzlich erschwert der eingeschränkte Zugang zum Gesundheitssystem die Situation vieler Betroffener. Sprachbarrieren, begrenzte Möglichkeiten zum Besuch von Deutschkursen sowie ein unsicherer Aufenthaltsstatus führen dazu, dass medizinische und psychotherapeutische Angebote oft nur eingeschränkt genutzt werden können. Über Jahre hinweg entsteht so eine stille Verschlechterung der psychischen Gesundheit, während gleichzeitig die Gefahr sozialer Isolation wächst.

Warum dieses Thema auch Unternehmerinnen betrifft

Die Lebensrealität vieler langjährig in der Schweiz lebender Geflüchteter bleibt für einen grossen Teil der Bevölkerung weitgehend unsichtbar. Viele Menschen begegnen ihnen im Alltag – im Quartier, im Bus, in der Schule ihrer Kinder oder in lokalen Projekten – ohne ihre oft jahrelange Situation der Unsicherheit zu kennen. Gerade deshalb kann ein erster wichtiger Schritt darin bestehen, hinzusehen und zuzuhören.

Hinter administrativen Begriffen wie «vorläufige Aufnahme» oder «hängigem Asylverfahren» stehen Menschen, deren Leben über viele Jahre in einem rechtlichen und sozialen Zwischenzustand stattfindet.

Für Unternehmerinnen stellt sich in diesem Zusammenhang auch eine weiterführende Frage:
Welche Rolle können Wirtschaft und Zivilgesellschaft dabei spielen, Teilhabe zu ermöglichen?

Viele geflüchtete Frauen bringen Fähigkeiten, Motivation und den Wunsch mit, Verantwortung zu übernehmen und zu arbeiten. Doch strukturelle Hürden, Unsicherheit des Aufenthaltsstatus oder fehlende Netzwerke erschweren oft den Zugang zu Ausbildung und Arbeitsmarkt.

Gerade Unternehmerinnen sind häufig wichtige Akteurinnen gesellschaftlicher Veränderung. Sie gestalten Arbeitsplätze, eröffnen Chancen und prägen Unternehmenskulturen. Manchmal beginnt Teilhabe bereits in kleinen Schritten: durch Offenheit gegenüber Menschen mit unterschiedlichen Lebensgeschichten, durch Engagement in lokalen Integrationsprojekten oder durch die Unterstützung von Initiativen, die Begegnung und Sprachpraxis ermöglichen.

Eine Gesellschaft gewinnt, wenn möglichst viele Menschen ihre Fähigkeiten einbringen können. Langjährige Unsicherheit verhindert genau das – für die Betroffenen, aber letztlich auch für uns alle.

Dr. med. Fana Asefaw