Der grosse Vorsorge-Check

Veröffentlicht am 6. Februar 2020 | in Blog, VFU, Vorsorge

«Unser Vorsorgesystem basiert auf einer Annahme, die heute eher die Ausnahme denn die Norm ist.»

Wir haben Corin Ballhaus unsere Projektverantwortliche IMPAVIDA – der BVG-Lösung des Verbands Frauenunternehmen – gebeten, die wichtigsten Fragen, um die berufliche Vorsorge zu beantworten. Sie beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit dem Thema Vorsorge. Zunächst als Produktverantwortliche bei einer Bank, später als Redaktionsleiterin eines Vorsorgemagazins. Nachdem sie sich 2005 als Kommunikationsberaterin selbstständig gemacht hat, organisierte sie u. a. BVG-Podien und war für das Magazin eines Vorsorgeanbieters verantwortlich.

 

Welchen Unterschied macht es hinsichtlich Vorsorgeplanung und allfälliger Lücken, ob ich angestellt oder selbstständig bin?

Unser Vorsorgesystem mit seinen drei Säulen – AHV, Pensionskasse, Selbstvorsorge – geht davon aus, dass die Versicherten angestellt und zu 100% berufstätig sind – und das ununterbrochen vom Erreichen der Volljährigkeit bis zur Pensionierung beim selben Arbeitgeber. Heute ist dies allerdings eher die Ausnahme denn die Norm. Je nachdem was die persönlichen Ansprüche an den Lebensstandard im Alter sind, können sich darum sowohl bei Angestellten als auch bei Selbstständigen Vorsorgelücken ergeben. Allerdings sind Angestellte obligatorisch in der ersten und zweiten Säule versichert. Selbstständige dagegen unterstehen lediglich der AHV-Pflicht – für Jahreseinkommen über CHF 9400. Die Absicherung in der beruflichen Vorsorge ist für sie freiwillig. Die Möglichkeiten für einen Anschluss beschränken sich auf BVG-Lösungen von Branchen- und Berufsverbänden und die Stiftung Auffangeinrichtung BVG, da unabhängige Sammeleinrichtungen Selbstständige nur direkt anschliessen dürfen, wenn sie Mitarbeitende beschäftigen. Angestellte wie Selbstständige können zudem im Rahmen der gebundenen und freien Selbstvorsorge (Säule 3a und Säule 3b) eigenverantwortlich sparen.

 

Und wenn man selbstständig ist, inwieweit unterscheiden sich die verschiedenen Unternehmensformen (Einzelfirma, GmbH oder AG) hinsichtlich der Vorsorgeplanung?

Mit der Planung ihrer Vorsorge sollten sich alle Unternehmerinnen gleichermassen beschäftigen – unabhängig von der gewählten Rechtsform. Vorsorge ist Teil der professionellen Planung der Firmenfinanzen und damit der Gestaltung des eigenen Dienstleistungspreises. Als selbstständig erwerbend gelten gesetzlich ausschliesslich Inhaberinnen von Einzelfirmen. Gründerinnen einer AG oder GmbH sind dagegen rechtlich Angestellte ihrer eigenen Firma. Im Gegensatz zu Selbstständigerwerbenden müssen sie sich obligatorisch einer BVG-Lösung anschliessen, wenn ihr AHV-Jahreseinkommen CHF 21 200 (Stand 1.1.2020) übersteigt. Sind Inhaberinnen von GmbH oder AG Angestellte in ihrer eigenen Firma und unterlassen einen solchen Anschluss, droht ihnen ein kostenpflichtiger Zwangsanschluss.

 

Geld ist doch Geld: Spielt doch keine Rolle, ob ich es in die 2te oder 3te Säule einzahle, wenn es viel einfacher ist, in die 3te Säule einzuzahlen?

  • Im Gegensatz zu einem PK-Anschluss sind die Risiken Invalidität und Tod nicht abgesichert.
  • Ausserdem kann das Guthaben im Alter ausschliesslich als einmalige Kapitalauszahlung bezogen werden und wird nicht als Rente ausbezahlt.
  • 3a-Lösungen sind Sparlösungen. Aufgrund der Flexibilität bei der Höhe der Einzahlungen, wird in der Regel eine Banklösung gewählt. Bei der Wahl der Bank ist auf deren Bonität (Rückzahlungsfähigkeit) zu achten. Denn Säule-3a-Guthaben gehören nicht in die Kategorie der privilegierten Einlagen, die im Konkursfall durch die Einlagesicherung bis CHF 100 000 gedeckt sind. Sie fallen in die 2. Klasse der Konkursmasse und werden bis CHF 100 000 beglichen.
  • Wer eine 3a-Versicherungslösung wählt, hat bis zum Ende der Vertragslaufzeit jährlich feste Beitragszahlungen zu leisten. Wird die versicherte Person berufsunfähig, übernimmt die Versicherung zwar die Fortzahlung der Sparbeiträge. In den ersten Vertragsjahren wird aber ein grösserer Anteil der Beitragszahlungen für die dementsprechenden Risikoprämien eingesetzt. Wer die Erwerbstätigkeit unterbricht, ist gezwungen, den Vertrag mit Verlust aufzulösen.
  • BVG-Guthaben sind bei Zahlungsunfähigkeit der Pensionskasse durch den BVG-Sicherheitsfonds gedeckt, der Leistungen bis zu einem maximalen Jahreslohn von CHF 127 980 garantiert und von allen Vorsorgeeinrichtungen geäufnet wird.

 

Gibt es ein Alter, bis zu dem ich mit meiner Vorsorge gestartet haben muss damit es noch Sinn macht?

  • Im Grundsatz gilt: Je früher ich mit der Altersvorsorge beginne, desto bessere Leistungen sichere ich mir für das Alter. Insbesondere in der freien Vorsorge schlägt die Beitragslast so auch weniger zu Buche.
  • Der späteste Zeitpunkt, mit der Vorsorge zu beginnen, hängt im Wesentlichen davon ab, welchen Lebensstandard ich im Alter finanzieren können möchte und wie hohe Beiträge ich in meiner beruflich aktiven Zeit leisten kann.
  • Wer erst über 50 mit der Vorsorge beginnt, kann seine Leistungen noch etwas verbessern, wenn er über das offizielle Rentenalter hinaus erwerbstätig bleibt und den Rentenbezug aus der 1. und 2. Säule aufschiebt. Frauen können den Renten- bzw. Kapitalbezug aktuell bis zum 69. Lebensjahr aufschieben. Ab Erreichen des offiziellen Rentenalters sind allerdings in der Regel die Risiken Invalidität und Tod nicht mehr versichert.

 

Wie finde ich heraus, ob ich eine Lücke habe und wie gross sie ist?

  • Zunächst einmal gilt es, sich ein Bild über die vorhandenen Vermögenswerte (inkl. allfälliger Erbschaften) sowie die zu erwartenden Renten aus der 1. und 2. Säule zu machen. Dazu kann bei der zuständigen AHV-Stelle ein Kontoauszug angefordert bzw. ein Antrag für eine Vorausberechnung der AHV-Rente (wird in der Regel ab ca. 60 erstellt) gestellt werden. Über die zu erwartende Pensionskassenrente gibt der jährliche Pensionskassenausweis Auskunft.
  • Lücken in der 1. Säule ergeben sich grundsätzlich bei all denjenigen, denen Beitragsjahre fehlen (z. B. bedingt durch Auslandaufenthalte, berufliche Auszeiten oder längere Berufsunfähigkeit).
  • Selbst wenn keine Beitragsjahre fehlen, erreicht die AHV-Maximalrente nur, wer während der AHV-Pflicht ein jährliches Durchschnittseinkommen von mindestens CHF 84 600 erzielt hat.
  • In der zweiten Säule hängt die Rentenhöhe ebenfalls von der Anzahl Beitragsjahren und der Höhe des Erwerbseinkommens (bestimmt die Beitragshöhe) ab. Hinzu kommt, dass der Umwandlungssatz – also der Prozentsatz, mit dem das BVG-Altersguthaben in eine Rente umgewandelt wird, aufgrund der gestiegenen/steigenden Lebenserwartung in den nächsten Jahren sinken wird.
  • Zu einer Vorsorgelücke führt auch unter Umständen auch eine Scheidung, da das während der Ehe oder der registrierten Lebensgemeinschaft erwirtschaftete BVG-Guthaben hälftig geteilt wird.
  • Generell kann es ratsam sein, sich hinsichtlich der Ermittlung allfälliger Vorsorgelücken und deren Deckung beraten zu lassen. Dabei ist eine unabhängige Honorarberatung zu bevorzugen.

 

Welche Konsequenzen haben Lücken im Alter?

  • Lücken haben zur Folge, dass im Alter weniger Renteneinkommen und Vermögen zum Verzehr zur Verfügung stehen. So führt bspw. ein fehlendes Beitragsjahr in der AHV zu einer Kürzung der AHV-Rente um 2,27%.

 

Wenn ich eine Lücke habe, wie kann ich diese schliessen?

  • Ob und in welchem Umfang ich bestehende Lücken füllen kann bzw. will, hängt zum einen von meinen finanziellen Möglichkeiten ab und zum anderen davon, welches Leben ich mir im Alter leisten können will.
  • Fehlende Beitragsjahre in der AHV können bis zu fünf Jahren zurück nachbezahlt werden.
  • In die Pensionskasse lassen sich unter Umständen freiwillige Einkäufe tätigen – normalerweise bis maximal drei Jahre vor dem Erreichen des Pensionsalters. Der Pensionskassenausweis gibt über die maximal mögliche Summe Auskunft. Die entsprechenden Einzahlungen lassen sich vom steuerbaren Einkommen abziehen. Bevor dies möglich ist, müssen allerdings zunächst allfällige Vorbezüge für den Erwerb von Wohneigentum zurückbezahlt werden. Ausserdem empfiehlt es sich zu klären, was mit den freiwilligen Einkäufen passiert, falls die Versicherte stirbt. Denn viele Pensionskassen finanzieren damit nur die Hinterbliebenenrente, die dem überlebenden Partner ohnehin zusteht und bezahlt sie nicht als Todesfallkapital aus. Auskunft darüber gibt das jeweilige Vorsorgereglement.
  • Das Renteneinkommen aus der 1. und 2. Säule lässt sich zudem verbessern, indem der Rentenbezug aufgeschoben wird. Wer bspw. bis 69 weiterarbeitet, erhöht die AHV-Rente um einen Zuschlag von 31,5% des Durchschnitts der aufgeschobenen Altersrente. Der aufgeschobene Rentenbezug muss an beiden Orten dementsprechend beantragt werden.
  • Was das Sparen im Rahmen der Selbstvorsorge (Säule 3a, 3b) anbelangt gilt: Jeder Franken mehr, bringt mehr finanzielle Unabhängigkeit im Alter.
  • Generell kann es ratsam sein, sich hinsichtlich der Ermittlung allfälliger Vorsorgelücken und deren Deckung beraten zu lassen. Dabei ist eine unabhängige Honorarberatung zu bevorzugen.

 

Welche Kriterien beeinflussen meine Vorsorgeplanung als Selbstständige in welcher Form?

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